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Der Anfang nach dem Anfang?

Wir sind im Juni 2017 – die Erfindung der Fotografie liegt nun schon etwa 175 Jahre zurück und Niepce hätte sich wohl nicht mal im Traum vorstellen können, was im Jahr 2017 fotografisch alles möglich ist. Ich bin ’87 geboren und ein Kind der 90er, analog kannte ich nur von meinen Eltern – das waren diese kleinen Knipsen wo du einen Film drin hattet und den dann zum Schlecker brachtest bevor dann irgendwelche völlig unterbelichteten Bilder zu sehen waren. Fotografie hat für mich so richtig im digitalen Zeitalter begonnen (etwa 2008) und wirkliche analoge Fotografie im Studium, das war wie eine Reise zurück, anstatt nach vorn.

In den letzten Wochen hat vorallem eine Kamera für mächtig aufsehen gesorgt: A9, um genau zu sein „Sonys neue“ Alpha 9. Und hier möchte ich anknüpfen, denn in der Geschichte der Fotografie gab es immer wieder Meilensteine – große Kästen mit Kollodiom beschichteten Glasplatten wurden abgelöst durch kleinere Rollfilme und Oskar Barnack entwarf 1914 den ersten Prototypen der Leica 1. Kameras wurden kleiner und kompakter und mehr und mehr auch für Amatuere interessant, hier legte Kodak 1942 mit dem ersten Farbnegativ Film einen weiteren Meilenstien. So erblickte 1948 die erste Polariod das Licht der Welt und begeistert bis heute Amatuere und Künstler.

Es scheint schon fast verwunderlich, dass das erste digitale Bild bereits 1975 von Steven Sasson aufgenommen wurde in einer Auflösung von 100×100 Pixel. Und es waren vorallem große Firmen wie Nikon und Canon, die die digitale Fotografie Anfang der 2000er mit Kameras wie der Nikon D1, D100 und der D70 – der Canon D30, die Canon 300D und zuletzt die 1D sowohl für Profis als auch für Amteure massentauglich gemacht haben.

Und nun, fast 20 Jahre nach dem großen digitalen Start wirft ein neuer, mitlerweile großer Mitspieler eine Kamera auf den Markt, die erneut ein Meilenstein sein kann. „Sonys neue“ Alpha 9.

Erstmal auspacken

Ich fange am besten mal beim auspacken an und das war eigentlich unspäktakulärer als ich es mir dachte. Und da lag sie dann: Beim Fotohändler meines Vertrauens – Liebe Grüße hier an Norbert bzw. FotoDaniel nach Hünfeld. Zugegeben, es ist ein seltsames Gefühl, eine Kamera die so teuer ist und dann so unscheinbahr aussieht. Bei Leica sind die Beträge zwar durchaus normal, dafür gibts hier aber auch diese gewisse Atmosphäre die über Leica Kameras schwebt. Da fehlt Sony natürlich noch eine ganze Ecke an Exklusivität.

Nichts desto trotz war ich vorab völlig überrascht von der Kompaktheit der Kamera. Irgendwie verknüpft mein Gehirn mit Profi-Kamera immer noch einen Bulliden aka Nikon D5 – ganz nach dem Motto: Dick und Groß = Teuer und Gut. Leute, davon müssen wir uns trennen, die Zukunft der High-End Kameras wird wohl darauf hinauslaufen, dass sie optisch nicht auf den ersten Blick zwischen einer Einsteigerkamera zu unterscheiden sind. Was ja auch viele Vorteile hat.

Im Lieferungfang war neben der Kamera eigentlich nichts, was nicht bekannt ist. Gewundert hatte ich mich aber über die zwei amerikanischen Netz-Adapter für das Ladegerät, sollte wohl ein kleines Geschenk für mich sein. 🙂

Das Design & Handling der Sony A9

Der Erste Eindruck zählt ja bekanntlich und den machen wir ja unweigerlich über das Aussehen, zu den inneren Werten komm ich noch 🙂
Ich bin ehrlich zu euch, Sony Kameras empfand ich noch nie als schöne Kameras, für mich sind Modelle wie die A6500, die A7rII und hier die A9 eifnach alles andere als schön. Da liegen meine beiden Fuji-XPro2 deutlich schöner in der Hand und berühren das Herz.
Das Gehäuse ist aus solidem Magnesium und wirklich hochwertig verarbeitet, hier gibts nichts zu meckern, genau so muss eine Kamera in der Preisklasse verarbeitet sein.

Der Formfaktor der A9 ist schon erschreckend klein, das hat zur Folge dass der kleine Finger „in der Luft“ hängt und somit etwas an Halt fehlt. Hier gibt es zwar einen zusätzlichen Griff, allerdings ist der völlig überteuert, da empfehle ich doch lieber direkt den zusätzlich erhältlichen Batteriegriff.

Richtig gut gefällt mir die Anordnung der Tasten, es gibt einen AF-ON und AEL Taster, ein Joystick, ein Drehrad und mehrere FN Tasten die frei belegbar sind. In der Praxis konnte ich so ohne Umwege übers Menü alle wichtigen Einstellungen anpassen, ohne dabei die Kamera vom Auge weg bewegen zu müssen. Die Drehregler sitzen und haben einen guten Drehpunkt, nicht zu weich und nicht zu fest. Vorallem das Drehrad für die Belichtungskorrektur sitzt nicht zu locker, das Problem gibts nämlich bei der X-Pro2, hier musste ich den sogar abkleben, weil er sich ständige Dreht sobald man mit der Kamera mal an der Hose streift.

Etwas fummelig ist das unterer Rad zum Wechsel der Fokus-Modi (AF-S, AF-C…), denn die Stellung MF am Ende des Rades kollidert ein wenig mit Arretierung, soadass ewtas Finger-Akrobatik auf dem Programm steht.

Zusammenfassend ist die Bedienung und das Handling der Kamera zumindest hardwareseitig wirklich intuitiv und kommt professionellen Ansprüchen gleich. Auf Hochzeiten ist die Sony A9 in dem Punkt wirklich überzeugend, ich hatte keinerlei Probleme mich zurecht zu finden – insbesondere für Fotografen die Nikon und Canon User sind oder es waren.

Bildqualität und ISO

Als Hochzeitsfotograf komme ich viel rum, fast immer kann ich mir den Ort nicht aussuchen und das bedeutet vorallem eines: Es gibt Hochzeiten da ist das Licht wunderbar – die Zeremonie ist draußen, Empfang und Catering am Nachmittag an einem schattigem Pläzchen und die Location im Inneren hell und groß. Tja, denkste – denn meistens ist das nicht die Realität. Es gibt Tage da knallt die Sonne und wirft dir die härtesten Kontraste vor die Kamera, die Locations sind „Löcher“:  Dunkel und diverse farbige Kunstlicher machen es zu einer „Misch-Licht Katastrophe“.

Die A9 hat sich hier bisher tadellos angestellt und produziert selbst bei hohen ISO Werten noch rauscharme und vorallem farblich natürliche Fotos. Ich bin kein Pixel-Zähler, für mich ist es viel wichtiger das ein Bild eine Emotion überträgt, als das es technisch perfekt ist. Ein gutes Rauschverhalten bei ISO 12.800 ist aufgrund der oft schlechten Situationen jedoch ein hoher Mehrwert.

24 Megapixel ist hier genau richtig, mit dieser Auflösung bin ich in den letzten Jahren immer gut gefahren. Es ist die ideale Mischung aus Handling, Pixelanzahl und Crop Möglichkeit in der Nachbearbeitung.

Der A9 Sensor löst praktisch bis ISO 3200 ohne nennenswerte Kontrast- und Detailverluste bzw. Rauschverhalten auf, für 80% aller Situationen am Tag der Hochzeit reicht allein das schon aus. Das ist schon krass, wenn ich mich zurück erinnere: Vor 10 Jahren war beispielsweise ISO 3200 eine totale Katastrophe und wenn dann nur zur Not zu gebrauchen.

Doch das ist nicht die wahre Stärke des A9 Sensors, es ist vielmehr die Technologie des Stacked-Sensors, welche eine mir bis dahin unbekannte Geschwindigkeit liefert.
Es gibt drei Modi für Serienaufnahme (5, 10 und 20 Bilder pro Sekunde), wobei mir die 10 Bilder pro Sekunde schon völlig ausreichen. Es ist gut Reserven zu haben, ich behaupte allerdings, in 95% aller Fälle einer Hochzeit sind 10 Bilder pro Sekunde mehr als ausreichend. Zumal es nicht sinnvoll ist „volles Rohr“ drauf zu halten und am Ende des Tages mit 5000 Bilder einer 10h Hochzeit nach Hause zu kommen. Hier sollte die Technik nicht den Fotografen bestimmen, sondern eine gute Beobachtung und Sensibilität für den richtigen Moment. Im Entscheidenden Moment eine so hohe Performance zu haben, kann jedoch den Unterschied ausmachen.


Der Autofokus

Der Autofokus der A9 ist meiner Meinung nach das Top-Feature der Kamera. Hier hat mich die A9 auf allen Spuren total beeindruckt. Die Geschwindigkeit und Trefferquote is wahnsinnig hoch, mit dem richtigen Objektiv ist das eine Mischung die ich so bisher nicht kannte.
Richtig spaß macht das ganze am Abend, hier war ich total beeindruckt von der Leistung des AFs – das Eye-Tracking funktioniert hier sogar bei schwachem Licht und schnellen Bewegungen extrem gut – verliert die Kamera mal den Kontakt zum verfolgten Auge, wird das Gesicht weiterverfolgt. Es gibt diverse Autofokus-Modi: Ich fotografiere mit der A9 fast ausschießlich im AF-C Modus auch weil zwischen Einzel-AF, automatischen erkennen von Objekten und Eye bzw. Gesichtstracking dank der individuell belegbaren Tasten extrem schnell hin- und her gesprungen werden kann.
Toll auch bei vielen Objektiven von Sony ist der belegbare Knopf auf dem Objektiv, hier kann Z.B.: ein Gesichtstracking aktiviert werden.

Das Menü der A9

Tja, das Menü, was soll ich sagen: Um es kurz zu machen – für mein Geschmack wirkt es einfach nur unstrukturiert, überladen, grafisch wenig ansprechend und vorallem für Sony-Neulinge alles andere als intuitiv.
Ich hab mit Nikon, Canon und Fuji fotografiert und hab mich noch nie so lange mit einem Menü auseinander setzen müssen. Die besten Menüs finde ich hat Nikon, grafisch schön und klar aufgeteilt.
Warum zum Teufel gibt es für jeden Reiter wieder zig unter Reiter, eine Logik die ich nicht verstehe. Eine vertikale Anordnung des Menüs würde ich ebenfalls besser finden, als eine horizontale.

Das gute am Menü der A9: Es gibt die Möglichkeit wichtige und oft benötigte Einstellungen in ein eigenes Menü zu setzen, damit hat Sony einen einfachen Zugriff ermöglicht, auch wenn das Menü zunächst eher abschreckt.

Customizing der A9

Das wirklich beste und geilste an der A9 ist es, dass sämltiche Bedientasten (fast alle) umgestellt werden können und somit auf die individuellen Bedürfnisse eingestellt werden können. Neben den C-Tasten am Body selber, können selbst Wahlräder, Joistick beim Drücken, Auslöser und AEL und AF-ON Taste mit Funktionen belegt werden.
Ein echter Back-Button ist damit möglich: Fokus sitzt hierbei auf AF-ON, Belichtungsspeicherung beim halb Durchdrücken des Auslösers und Auslösen bei vollem Durchdrücken – ein Feature das für mich total wichtig ist. Denn gerade in Indoor-Situationen belichtet ich gern mit der Spot-Messung und verschiebe dann den Ausschnitt. Die Belichtungsspeicherung ist somit unabhängig vom Fokus und flexibel.

Die Freiheit die Tasten so zu belegen wie ich möchte und damit die volle Performance der Kamera auch schnell abrufen zu können ist grandios.
Ein Beispiel: Bei mir ist zum Beispiel die AEL Taste nicht für die Belichtungsspeicherung, sondern belegt mit dem richtig gutem Eye-AF und beim Drücken auf den Joistick aktiviert sich das breite Fokusfeld für eine schnelle Fokussierung. Je nach Situation kann ich also mit einem Tastendruck den Fokus anpassen und bin sehr schnell, was eine extrem wichtige Voraussetzung ist um authentische Momente einzufangen.

Danke Sony! Denn das macht die A9 individuell und für so viele Situationen extrem flexibel.
Ich wünsch mir solche Features bei jeder gehobenen Kamera! 🙂

Der elektronische Viewfinder

Bääääm, das war das erste woran ich dachte, als ich das erste mal durch den EVF geschaut habe. Hier hat Sony mit 3,68 Mio. Bildpunkten und einer Vergrößerung von 0,78 ein wahres Meisterwerk geschaffen – zumindest für den akutellen Stand Mitte des Jahres 2017. Ich fand den Sucher der X-Pro2 schon super, die A9 topt das jedoch nochmal deutlich. Ich hab das Gefühl, als würde ich einen Mini-TV vor mir haben, gestochen scharf und super Farbwiedergabe.

Für mich ist ein elektronsicher Sucher DAS Hauptmerkmal im Vergleich zur klassichen DSLR. Das „fertige Bild“ schon vor dem Auslösen zu sehen, verändert den kompletten Workflow und Art zu fotografieren. Die Sony A9 macht einfach so viel Spaß mit diesem Sucher – ich sehe hier überhaupt keinen Nachteil mehr zur DSLR.

Und das Beste kommt ja erst noch:
Blackout-Frei – ein Mainfeature der A9 und ich kann euch sagen: Das macht richtig Spaß, Bilder in Serie aufzunhemen ohne Unterbrechungen erleichtert das fotografieren deutlich. Insgesamt kann ich mich so viel mehr auf Momente und Emotionen konzentrieren, als zu meiner Nikon Zeit.
Es ist jedoch auch ungewöhnlich, nicht zu sehen bzw. zu merken, wenn ein Bild gemacht wird (vorallem mit dem elektronsichen Verschluss). Abhilfe schafft Sony hier mit einem Rahmen oder kleinen Markierungen in den Ecken, die aufleuchten, wenn ein Bild gemacht wird.

Der Akku

Sony tut gut daran auf die Kunden gehört zu haben und den Akku deutlich zu vergrößern. Mit 2280 mAh hab ich in der Praxis nun überhaupt keine Probleme mehr. 1500 Fotos und es sind immer noch 30% Akku, ich brauche also maximal 2 Akkus am Tag und das auch nur bei richtig langen Einsätzen. Zumal der Stromverbrauch aber auch stark von der Arbeitsweise abhängt, das Display sollte eigentlich immer aus sein und bei längeren Phasen wo ich kein Bild mache, ist die Kamera immer ausgeschaltet. Kontroll-Blicke fallen ja aufgrund des guten EVF auch weg. Ich sehe also was den Akku betrifft keine Probleme.

Fazit und Kritik

Die Sony A9 hat auf jeden Fall für Furore gesorgt, denn sie ist nicht nur in technischer Sicht ein großer Sprung.
Viele Aspekte hab ich den letzten Wochen aufgenommen:

Reicht das Objektiv-Lineup von Sony für Profis aus?
Ist der Preis der A9 zu hoch?
Hat die Kamera Überhitzungsprobleme?

Fragen die ich teilweise nicht ganz verstehen kann – denn Sony hat einige Objektive im Lineup, klar bei weitem nicht so viele wie Nikon oder Canon. Doch wenn ich die Produktpolitik und Innovationsbereitschaft von Sony betrachte, glaub ich, wird Sony hier mächtig Gas geben und noch einige Lücken schließen.

Kritisieren muss ich allenfalls die Preispolitik bei den Objektiven, die empfinde ich als deutlich zu hoch. Das neue FE 12-24 F4 G soll 2000€ kosten und das 16-35 2.8 G 2600€.
Vielleicht liegt das aber an der aktuellen Marktsituation, schließlich sind Nikon und Canon nach wie vor die am meisten genutzten Kamera-Systeme, da plant Sony natürlich mit geringen Stückzahlen und demnach fallen die Verkaufspreise höher aus.
Canon und insbesondere Nikon, die ich Jahrelang benutzt habe, machen mir echt Sorgen, ich bin mir nicht sicher ob die beiden Großen den Zug verpasst haben, denn eins ist klar: Die Zukunft gehört den spiegellosen Systemkameras.
Der Preis der A9 ist meiner Meinung nach nicht zu hoch, vergleichbare Modelle von Canon und Nikon liegen weit über 5300€ (Juni 2017) und bieten technisch jetzt nicht mehr.

Achja, ich hab überhaupt keine Probleme mit Überhitzung und ich bin echt nicht zimperlich, für Hochzeitsfotografen sollte der Punkt zu vernachlässigen sein.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass Sony da eine ordentliche Kamera entwickelt hat, die richtig Spaß macht und durch ihre Größe auch ziemlich dezent ist. Lautloses Auslösen kannte ich schon von meinen Fujis, aber in der Geschwindigkeit und mit dem mega flexiblen Autofokus ist das eine nahezu perfekte Kamera für Hochzeitsfotografen.

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